Nase an Nase mit dem Mannschaftskapitän

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Warum es in der Münchener Allianz-Arena zu einer denkwürdigen Begegnung zwischen Referee und Spieler kommt

München. Wenn sich Schiedsrichter Knut Kircher heute, mit etwas Abstand, die 77. Minute seiner Spielleitung der Begegnung TSV 1860 München gegen Holstein Kiel noch einmal in Ruhe anschaut, wird er sich erschrecken, und zwar vor sich selbst.

Eben ist der 60er Kapitän Christopher Schindler im Kieler Strafraum zu Boden gegangen, zu plump und mitnichten strafstoßwürdig. Schindler schimpft wie ein Rohrspatz – und dann passiert etwas, was einem Unparteiischen niemals passieren darf: Kircher platzt der Kragen.

Gewiss, die Partie in der blaufarben erleuchteten Allianz-Arena ist phasenweise umkämpft, hektisch – ständig steht die Relegation auf Messers Schneide. Dennoch bleibt Knut Kircher, der so erfahrene 46-jährige Bundesliga-Referee, der seit 1998 sage und schreibe 340 Spiele allein in der ersten und zweiten Bundesliga pfiff, durchweg der ruhige, souveräne Turm in der Schlacht. Der Ingenieur aus Rottenburg im Landkreis Tübingen in Baden-Württemberg setzt gekonnt auf Kommunikation, spricht den richtigen Spieler zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Art und Weise an.

In der 77. Minute indes, da scheint Christopher Schindler den Bogen überspannt zu haben. Knut Kircher geht geradezu auf den Akteur los und – was niemals passieren darf – berührt ihn dreimal mit der linken Hand, einmal sogar etwas robuster. Auch wenn Christopher Schindler nach seiner Reklamation eine harte Gangart verdient – dafür gibt es allerdings die Gelbe Karte, die der Münchener Spielführer in dieser Szene verdient hätte.

Wer den Schiedsrichter anfasst, muss mindestens den gelben Karton bekommen. Anfassen ist tabu. Und nach körperlichen Attacken ist eine Partie in der Regel beendet. Dieses Tabu gilt aber auch gegenüber Spielern und Offiziellen. Der neutrale Unparteiische, der objektive Richter in einem Spiel, darf keinen Spieler berühren oder gar stoßen. Das Regelwerk sieht andere Disziplinarmöglichkeiten vor: Die Ermahnung, also die direkte Ansprache. Die Verwarnung (Gelbe Karte). Den Feldverweis (Gelb/Rot oder Rot). Andere Züchtigungen sind im Fußballsport aus guten Gründen nicht vorgesehen.

Wie einst Dieter Pauly und Toni Schumacher
Wie löst man als Schiedsrichter nun eine Situation, in welcher einem ein Akteur wie Christopher Schindler so nah auf die Pelle rückt wie beispielsweise Kölns legendärer Torwart Toni Schumacher am 30. Mai 1981 dem nicht weniger bekannten Unparteiischen Dieter Pauly (Mönchengladbach-Rheydt) in der Partie Borussia Dortmund gegen 1. FC Köln? Die Lösung: Ruhe bewahren, einen Schritt zurücktreten, die Gelbe Karte zeigen.

Zudem sollte man als Referee keinen Spieler mit übertriebenen Handbewegungen zu sich zitieren – das hat kein Mensch gern, und es beruhigt eine emotional aufgeladene Situation ganz und gar nicht. Je hektischer es auf dem Platz ist, umso ruhiger und gelassener muss der Schiedsrichter bleiben, so schwer das manchmal fällt. Jetzt, mit etwas Abstand, wird das auch Knut Kircher so sehen.

Übrigens: Aus der Situation vom 30. Mai 1981 zwischen Toni Schumacher und Dieter Pauly ist damals eine der berühmtesten Aufnahmen entstanden – und das Sportfoto des Jahres 1981. Ein ähnliches Bild wäre in München gut 34 Jahre später mit den Hauptakteuren Knut Kircher und Christopher Schindler sicherlich auch möglich.

Der Pfiff der Woche ist ein Beitrag von Marco Haase in der az-online.

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